Volkstrauertag 2020

"Pass auf kleines Auge was du siehst…"

Die erste Zeile eines Kinderliedes, das häufig zur Taufe eines Neugeborenen gesungen wird.

Kinder kriegen einfach alles mit, alle Eltern können davon ein Liedchen singen. Doch es gibt Dinge auf der Welt, die Kinderaugen nicht mit ansehen sollten. Davon erzählt die folgende, wahre Geschichte.

Mittwochnachmittag im Oktober 2020. Drei Jungen und ein Mädchen meiner OGS-Gruppe packen ihre Ranzen zusammen, gleich machen sie sich auf den Heimweg nach einem langen Schultag.

Die Jungen unterhalten sich über Videospiele. Kriegsspiele.

"Also, wenn ich 5 Mann abballere, dann bekomme ich für jeden Toten 1000 Punkte."

"Seid doch still, ich mag nicht wenn ihr über den Tod redet und über Krieg", sagt das Mädchen. "Das ist doch alles nicht echt. Wenn die tot sind, dann kommt blaue Farbe. Echtes Blut ist rot, nicht blau."

"Hast du schon mal einen echten Toten gesehen?" fragen die Jungs.

"Ja."

"Wann?"

"Im Krieg."

"Warst du im Krieg?"

"Ja."

"Wann?"

"Als wir geflohen sind."

"Bist du ein Flüchtling?"

"Ja."

"Wie bist du ein Flüchtling geworden?"

Und sie beginnt zu erzählen: "Männer sind in unser Dorf gekommen und haben gesagt, dass alle Männer mitkommen und Soldaten werden müssen. Meine Mama und ich haben meinen Vater am Arm festgehalten und gesagt, dass er nicht mitgehen soll. Ich habe laut geweint. Mein Papa ist nicht mitgegangen. Mein Onkel und mein anderer Onkel sind mitgegangen und gestorben. Mein Vater hat gesagt, wir müssen sofort wegfahren. Wir sind dann sofort ins Auto gestiegen und losgefahren."

"Habt ihr viele Koffer mitgenommen?" fragt ein Junge.

"Nein, wir haben gar nichts mitgenommen, keine Koffer gar nichts, wir sind noch in der Nacht losgefahren, ich habe vergessen meine Schuhe anzuziehen. Wir sind ganz lange gefahren. Dann gab es einen Knall und das Auto war kaputt. Mein Vater hat gesagt, dass wir schnell aussteigen und loslaufen sollen. Lauf weiter, lauf weiter, hat mein Vater gesagt, nicht nach hinten sehen, lauf, lauf."

"War das eine Bombe?", wird das Mädchen gefragt.

"Keine Ahnung."

"Waren da Soldaten?"

"Ja."

"Haben die geschossen?"

"Ja."

"Und dann?"

"Sind wir gelaufen, 7 Tage, immer weiter, immer weiter."

"Wann hast du den Toten gesehen?", fragen die Jungs.

"Als wir gelaufen sind. Der lag auf der Straße und war erschossen und drumherum war ganz viel Blut, echtes Blut, rot nicht blau. Mein Vater hat mich auf den Arm genommen, damit ich nicht in das Blut trete, denn ich hatte ja keine Schuhe an."

"War der richtig tot?"

"Ja. Erschossen."

"Und dann?"

"Dann waren wir endlich am Meer und wir sind in ein kleines Boot gestiegen. Da war noch eine Frau mit einem Kind drin, und zwei andere Kinder."

"Wo waren die Eltern der Kinder?"

"Tot, hat die Frau mit dem Kind gesagt."

"Und dann?"

"Sind wir zu einem großen Schiff gefahren und mit dem Schiff dann bis nach England. Gott sei Dank waren wir dann in England. Als wir da waren, hat meine Mama sofort das Baby bekommen, denn sie hatte die ganze Zeit meinen kleinen Bruder im Bauch. Dann sind wir mit dem Zug nach Deutschland gefahren."

"Wann hast du den Toten gesehen, wo hast du ihn gesehen?", immer wieder stellen die Jungen die gleichen Fragen. Immer wieder antwortet sie das Gleiche.

Es klingelt, 16.00 Uhr. Die Kinder gehen nach Hause. Ich sehe ihnen noch nach, wie sie in verschiedene Richtungen auseinander gehen. Plötzlich drehen sie sich alle noch einmal um, winken sich zu. Dann sind sie weg.

Als ich kurze Zeit später im Auto sitze, um nach Hause zu fahren, geht mir ein Gedanke nicht aus dem Kopf: Ich bin 59 Jahre alt, ich habe noch nie einen toten Menschen auf der Straße in seinem Blut liegen sehen. Das Mädchen schon, mit sechs Jahren im Sommer 2016.



Der Krieg ist bis heute eine unheilbare Krankheit. Gegen Corona werden wir ein Heilmittel finden, einen Impfstoff entwickeln. Doch die unheilvolle Krankheit Krieg, mit all dem Leid, der Verwüstung, dem Schmerz. Wird es nie vorbei sein?

FRIEDE ist das Heilmittel. Miteinander in Frieden leben der Impfstoff und Kinderaugen sehen die Welt in Regenbogenfarben.

Im Gedenken an die Millionen Kriegsopfer der vergangenen und aktuellen Kriege weltweit.


Petra Thiemontz

1. Vorsitzende der Ortsgemeinschaft Hürth-Gleuel

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